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Was ist Reggio?


Auf dieser Seite wollen wir das Reggio-Konzept erläutern. Den kompletten Text unseres Kita-Konzeptes können sie auch als PDF und Word(RTF) herunterladen. image image

In hundert Sprachen Ball spielen

Die Krippen und Kindergärten von Reggio Emilia sind Paradiese für die jungen Entdecker - und Stätten des Staunens für Pädagogen aus aller Welt.

EINES MORGENS beschließt die Erzieherin Roberta Badodi, mit den Jungen und Mädchen aus ihrer Gruppe einen Dinosaurier zu malen. Einen gigantischen Diplodocus. Und zwar in Originalgröße, 27 Meter lang und neun Meter hoch. Die Kinder aus Robertas Gruppe sind fünf und sechs Jahre alt.
In den meisten Kindergärten dieser Welt würde ein solches Projekt, wenn es denn überhaupt jemandem einfiele, sofort für verrückt erklärt werden: Das ist zu schwer! Das dauert zu lang! Damit werden die Kinder doch total überfordert!
Im Anne-Frank-Kindergarten von Reggio Emilia aber geschieht etwas anderes. Fabio, Federico, Giulia und ihre Spielkameraden brechen sofort in eine lebhafte Diskussion aus: Welches Modell sollen wir nehmen? Auf welchem Platz sollen wir das Bild malen? Und zuerst: Wie können wir herausfinden, wie lang 27 Meter sind? Vier Monate später steht auf dem Schulhof eine Riesenleinwand mit dem farbenfrohen Porträt eines Diplodocus, davor ein Schwarm kleiner Künstler, die beinahe platzen vor Stolz.

Im Laufe des letzten Jahrzehnts sind die Krippen und Kindergärten von Reggio Emilia für Pädagogen etwa das geworden, was die Uffizien von Florenz für Kunstliebhaber sind: Wallfahrtsorte, Stätten des Staunens, aber auch der Anregung.
Wer sich ein paar Tage lang in einigen der 20 kommunalen Kitas und 13 Krippen der norditalienischen Stadt umsieht, mit Erziehern und Eltern spricht, der gewinnt völlig neue Vorstellungen davon, was ein Kindergarten sein kann - und wozu Kinder imstande sind, wenn man ihre kreativen Kräfte gezielt und umfassend anregt.
In Reggio ist alles anders gemessen an dem, was hierzulande in der Früherziehung gängige Theorie und Praxis ist. In Deutschland werden Kinder meist in mehr oder weniger beliebigen "Räumlichkeiten" betreut, zu denen bestenfalls noch ein Sandspielplatz gehört. In Reggio ist jede Kita eine kleine Stadt für sich, mit einer Piazza in der Mitte, um die sich, durch lichte Glaswände abgeteilt, Ateliers, Werkstätten, Bühnen, Bewegungsräume und "Denk-Ecken" verschiedener Größe gruppieren.
In deutschen Kindergärten gibt es meist Spielzeug, "kindgerecht", aber weitgehend sinnfrei; in Reggio gibt es vor allem Material und Werkzeug: Draht, Lehm, Holz, Gips, Farben und Papier verschiedenster Art, dazu Schrauben, Feilen, Sägen, Pinsel, Scheren, einfach alles, was ein Kind brauchen könnte, um sich mitzuteilen. Denn Kinder, so die Überzeugung der Reggio-Pädagogen, haben nicht nur eine, sie haben hundert Sprachen, in denen sie denken, entdecken, ihre eigenen Geschichten erzählen können. Wer den Austausch mit Kindern auf das gesprochene Wort reduziere, der werde nie verstehen, wie ihre Welt-Erfahrung sich bildet. Und wie soll man Kinder erziehen, wenn man sie nicht einmal versteht?

Ein Erzieher, eine Erzieherin - das ist nach gängiger deutscher Auffassung ein Mensch, dessen Aufgabe vor allem darin besteht, Eltern bei der Betreuungsarbeit zu entlasten und dabei deren Kindern ein paar angenehme Stunden zu verschaffen. Was die Erzieherinnen von Reggio tun - es sind, wie überall auf der Welt, fast durchwegs Frauen -, ist um vieles komplexer und intellektuell anspruchsvoller. Die Reggianer selbst beschreiben ihre Arbeit gern als "Pingpongspiel": Sie fangen die Bälle auf, die ihnen die Kinder zuwerfen, und werfen sie wieder zurück, wobei sie häufig eine andere Flugbahn wählen und manchmal auch den Ball wechseln.
Dieses pädagogische Ballspiel ist kein planloses Hin und Her, sondern eine aufwendige Kombination aus Beobachtung, Analyse und wohl überlegter Intervention. Die Erzieherinnen verbringen viel Zeit damit, Dialoge und Spielhandlungen ihrer Kinder akribisch zu dokumentieren, handschriftlich oder auch per Video. Anschließend wird das Beobachtete im Kollegenkreis diskutiert und interpretiert: Welche Themen beschäftigen die Kinder gerade? Warum haben sie diese Anregung aufgenommen, die anderen aber nicht? Wie kann ich dieses oder jenes Kind dazu bringen, sein Projekt in seinem Sinne weiter zu entwickeln?

BESONDERE AUFMERKSAMKEIT gilt dem, was die Kinder hervorbringen, sei es selbstständig, sei es mit Hilfe der Atelierista, der Kunsterzieherin, die zu jedem Pädagogenteam gehört. In normalen Kitas sind Basteleien und Gemälde meist nicht viel mehr als liebenswerte Abfallprodukte der täglichen Erziehungsarbeit, gelten allenfalls als Tätigkeitsnachweise gegenüber den Eltern. Die Reggio-Pädagogen sehen in diesen Dingen dagegen Studienobjekte, Mitteilungen in einer der hundert Sprachen, die es zu entschlüsseln gilt. Viele der Kinder-Kunstwerke landen als Ausstellungsstücke an den Wänden rund um die Piazza, wo sie regelmäßig Besucher zum Staunen bringen: Kaum zu glauben, dass Vorschulkinder derart fantasievolle und handwerklich ausgefeilte Arbeiten zustande bringen.

Dabei unterscheiden sich die Fabios, Giulias und Federicos aus Reggio Emilia in nichts von ihren Altersgenossen aus Hamburg, Detmold oder Ravensburg. Nur das Kinder-Bild ihrer Erzieher ist ein grundsätzlich anderes. Das Kind, so sagen die Reggianer, ist stark, reich, mächtig und kompetent. Was kann Erziehung anderes sein als die Kunst, diesen Reichtum und diese Stärke zu bewahren und zu fördern?

Es ist kein Zufall, dass gerade die Stadt Reggio eine solche Pädagogik, solche Kindergärten hervorgebracht hat. Die traditionell links regierte Region Emilia Romagna ist in Italien nicht nur für ihren hohen Lebensstandard und ihre gut funktionierende öffentliche Verwaltung bekannt; ihre Einwohner pflegen seit jeher ein hohes Maß von Bürgersinn und basisdemokratischem Engagement. Kindererziehung wird nicht als Privatsache, sondern als Gemeinschaftsaufgabe betrachtet. Ein Zehntel der öffentlichen Ausgaben fließt in die Kindergärten, und wenn die Erzieherinnen bei einem Projekt nicht weiterkommen, wenden sie sich schon mal direkt an den Bürgermeister. Der hilft dann. Zum Beispiel, irgendwo in der Stadt einen Platz zu finden, an dem man einen haushohen Dinosaurier aufstellen kann.

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