Was stellen wir uns unter einer reggio-orientierten Pädagogik vor?
1. Das Kind konstruiert seine Wirklichkeit und seine Entwicklung.Das Kind ist von Geburt an ein aktives Wesen. All seine Wahrnehmungs- und Ausdrucksbeziehungen ergeben sich aus der subjektiven Wirklichkeit, die das Kind in seinem Leben realisiert und sich vorgestellt hat. Folglich verstehen wir Bildung von Kindern als eine Begleitung zur Selbstbildung.
2. Die Ich-Bildung des Kindes steht in einer Wechselbeziehung mit der Du- und Wir-Bildung.
Durch den vertrauensvollen Dialog lässt das einzelne Kind Erwachsene und andere Kinder als Mitgestalter seiner Wirklichkeit teilhaben, gleichzeitig ermöglicht es den Andern ihre eigene Wirklichkeitsgestaltung zu differenzieren.
3. Das Kind entwickelt seine „hundert Sprachen".
Durch möglichst vielfältige Möglichkeiten der Wirklichkeitsaneignung wird der in den verschiedensten Wahrnehmungs- und Ausdrucksformen liegende individuelle Reichtum der Dialogkompetenz erfahren und ausprobiert und so aufgedeckt und entfaltet.
4. Das Dokumentieren ermöglicht eine transparente Kommunikation und unterstützt Lernprozesse.
Da jegliche Wahrnehmung subjektiv ist, gewährleistet das Dokumentieren in Text, Fotos, Videos, Tonaufnahmen eine möglichst transparente Kommunikation. Persönliche Lerndokumente wie Dokumente von LernprozessbegleiterInnen differenzieren insbesondere kognitive Lernprozesse aller Beteiligten. Wir unterscheiden verschiedenen Formen von Dokumentieren: Persönliche Sammlung der Dokumente eines Kindes (Portfolio), Beobachtungsprotokolle der ErzieherInnen und Lehrperso-nen, Projektdokumentationen, öffentliche Informationen (beim Eingang der Institution, Publikationen, website), ...
5. Die Projektorientierung ist Teil der Lernkultur einer Bildungsinstitution.
Die Lernkultur in einer Krippe, einem Hort, einer Spielgruppe, einem Kindergarten oder in einer Schule beinhaltet diverse Formen: u.a. Spielen, (nachahmendes) Arbeiten, Erfinden, Gestalten und thematische Projekte.
Thematische Projekte nehmen ihren Anfang aus Beobachtungen, Erlebnissen, Gesprächen und Impulsen der Kinder wie der Erwachsenen. Als Projekte können sie jedoch nur wachsen, wenn im Prozess der kindlichen Aktivitäten die Fragen der Kinder Zeit, Raum und Material erhalten. Uns Erwachsenen kommt hier die Aufgabe des dialogischen Begleitens zu (vor allem das Beobachten, das Dokumentieren und das sensible Impulsgeben).
6. Der Raum wirkt als dritter Erzieher.
Räume werden als Partner der Kinder verstanden, die sowohl Herausforderung als auch Geborgenheit bieten. Sie können strukturiert sein als Gruppenräume wie auch als Räume mit speziellen Funktionen (z.B. Atelier).
7. Die ErzieherInnen und Lehrpersonen sind eingebunden.
Die Erzieherinnen und Lehrpersonen arbeiten miteinander, reflektieren ihre Arbeit, sowohl im Team als auch mit anderen Einrichtungen und lernen dabei voneinander. Regelmässige Besprechungen der inhaltlichen Arbeit, Praxisberatung sowie Fortbildungen gehören zum Berufsauftrag. Regionaler, nationaler und internationaler Austausch wird angestrebt.
8. Die Erziehungsbevollmächtigten werden einbezogen.
Die Lebenslage der Kinder und Familien werden in Wahrung der Privatsphäre berücksichtigt. Fragen der Eltern werden individuell oder als Gruppe ernst genommen. Kompetenzen der Eltern werden wenn möglich einbezogen.
9. Die Öffenlichkeitsorientierung der Bildungsinsitution ist Teil der pädagogischen Arbeit.
Die Verknüpfung der Erfahrungen der Krippe, der Spielgruppe oder des Kindergartens mit dem Gemeinwesen in dem sie leben, und die Offenheit der Institution gegenüber Eltern, Nachbarn und Region ist wesentlicher Bestandteil der pädagogischen Arbeit.
10. Das Wirken für die Rechte und Potenziale der Kinder ist eine logische Folgerung.
Die UNO-Kinderrechtskonvention ist deklariert: Partizipation von Mädchen und Jungen im Alltag; Berücksichtigung der Kinder mit besonderen Rechten; Förderung der interkulturellen Kompetenzen der Kindern. Es gilt für die Verteidigung und Förderung der Rechte und Potenziale der Kinder einzustehen.
(Diskussionspapier zur Gründungsversammlung 20.10.03 - Markus Bütler, Cham)